Der Podcast über alte und neue Meisterwerke, Künstlerinnen und Künstler
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00:00:13: Hallo und herzlich willkommen zum Podcast Dreißig Minuten Kunst.
00:00:16: Ich bin Jens Trocher, heute verabredet in der Kulturstadt Chemnitz mit Pauline Tiges.
00:00:22: Mahlzeit Frau Tiges!
00:00:25: Die etwas unkonventionelle Begrüßung habe ich mir natürlich reiflich überlegt, und zwar heißt nämlich der Ausstellungstitel Malzeit im Museum Gunzenhause.
00:00:35: Eine fantastische Ausstellung mit einer ganz ungewöhnlichen Anordnung.
00:00:39: auf die kommen wir noch.
00:00:41: Aber zuerst wollen wir über ein Video sprechen was den wunderbaren Titel hat.
00:00:47: also Schrie Wurstachim Was ist das für ein Video?
00:00:51: Und warum ist es in ihrer Ausstellung gelandet?
00:00:54: Ja, dieses Video also schrie Wurstacheem ist eines aus einer fünfteiligen Serie an Videos von dem Leipziger Künstler Duo Myland Innenhof.
00:01:06: Und das musste unbedingt in die Ausstellung.
00:01:08: denn wenn man die Feinkunsthalle betritt dann fällt als erstes der Blick durch dieses Video in einen Supermarktraum.
00:01:16: und was in dieser Videorbeit passiert ist dass wir ein Performer sozusagen sehen Zwischen Regalreihen in einem Supermarkt steht und Produkte aus den Regalen herausnimmt, sie lautstark mit ihren Inhaltsstoffen konfrontiert.
00:01:33: Das Ganze ist eine Umarsch oder Anlehnung an eine deutsche Kultfigur mit dem Namen Wurstachim.
00:01:41: Wurstachim zog ab den Achtzigerjahren mit seinem Wurststand durch Deutschland und avancierte zur Kultfigur, weil er so laut schreien konnte.
00:01:51: Er war Marktschreier auch ... dass er es tatsächlich ins Guinnessbuch der Rekorde schaffte.
00:01:57: Und er erreichte sage um Schreibe hundertzehn Dezibel.
00:02:02: Was Mainland Innenhof viel in ihren Arbeiten machen und so eben in der Serie also schrie Wurst Achim ist, menschlichen, gesellschaftlichen Entfremdungen im Kapitalismus beschäftigen und da ästhetische Strategien suchen das zu verhandeln.
00:02:19: Aber hat die Entfremmung oder anders gefragt findet die Entbremdung im Supermarkt statt?
00:02:25: Ich denke schon, also wir sind ja gerade im Supermarkt treffen eben auf diese fertig verpackten, verarbeiteten Produkte und haben eigentlich gar keinen Bezug mehr zur Herstellung von vielen Lebensmitteln.
00:02:38: Und gerade wenn wir an Konserven oder auch Fleisch waren oder sowas denken.
00:02:44: Hier in dieser Videorbeit treffen natürlich dieser sehr alte Beruf des Marktschreiers sehr kapitalistische Supermarkt-Situation.
00:02:57: Als ich von Ihrer Ausstellung das erste Mal gehört habe, hab' ich mir gedacht oh wie spannend Essen in der Kunst!
00:03:04: Das ist ja eigentlich gar nicht mal so selten weil wir hatten zum Beispiel Stillleben gerade so barocke Stillleben da liegen irgendwelche Fische und Obst und Gemüse.
00:03:14: darum was haben Sie in der Ausstellung zusammengesammelt?
00:03:17: Und vor allen Dingen woher sind die Kunstwerke?
00:03:23: Ausgangspunkt dieses Jahresthema, Essen in der Kunst war das wir gesagt haben.
00:03:29: Wir schauen in den Beständen der Kunstsammlungen Chemnitz was gibt es eigentlich?
00:03:34: Was haben wir eigentlich an Kunstwerken zum Thema Essen und haben dann angefangen zu suchen und wir sind auf unglaublich viel gestoßen Also viel mehr als wir auch dachten.
00:03:45: Und es hat natürlich gezeigt, dass dieses Thema wirklich durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder ein ganz wichtiges in der Kunst ist.
00:03:53: und in der Ausstellung sind – ich sage immer gerne – wir haben ein sehr breites Sortiment an künstlerischen Medien!
00:04:01: Wir haben Malereien, wir haben Druckgrafiken, Werbung natürlich... Wir haben Videoarbeiten, Skulpturen, Fotografie.
00:04:10: Und das eben aus ganz verschiedenen Jahrhunderten jetzt in der Feinkunst-Halle vor allem ab dem neunzehnten Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen Positionen.
00:04:18: und ja es zeigt einfach wie präsent das Thema ist und schon immer war.
00:04:23: ich meine Es ist etwas dass uns alle betrifft wir alle essen.
00:04:27: Sie haben die Ausstellung auch noch In einer feinkunstelle aufgebaut finde ich einen ganz tollen Begriff.
00:04:35: Und ganz toll ist auch ein Werk von Jan Kummer, einen zeitgenössischer Künstler aus Chemnitz.
00:04:43: Das Bild oder das Werk heißt Kolrabi Kaiser is' van Zwei Tausend Elf und man sieht eine Figur die für mich ... Oder ein Werk mit einer Figur dass auf den ersten Blick aussieht wie ja fast so ne biblische Darstellung.
00:05:00: habe ich recht oder täuscht?
00:05:01: Das
00:05:03: haben sie sehr gut erkannt.
00:05:06: Kaiser ist Jan-Komas Vorstellung von einem Wanderprediger aus den neunzehnundzwanziger Jahren.
00:05:14: Da tauchte nämlich das Phänomen auf, dass sich vor allem Männer ... Also es gab auch einige wenige Frauen, aber v.a.
00:05:20: Männer zu sogenannten Predigern oder Apostel selbst ernannten und dann durch die Landezogen in Deutschland oft mit einer sehr großen Gefolgschaft.
00:05:30: Und predigten hierden von ... der apokalyptischen Zukunft von neuen Lebensformen usw.
00:05:39: Da ist natürlich ganz relevant, dass das kurz nach dem Ersten Weltkrieg angefangen hat ne?
00:05:44: Das haben wir ja immer wieder in der Geschichte, da es dann so ein Nährboden gibt für neue Ideen zu neuen Lebens- formen.
00:05:52: und was interessant jetzt ist und auch relevant für die Ausstellung, dass diese Prediger ... in ihren Predigten immer wieder von veganer und vegetarischer Ernährung predigten.
00:06:05: Das heißt, das gehörte so zu diesen Ideen dazu war immer Teil davon.
00:06:09: und das ist natürlich interessant weil wir anhand dessen sehen dass dieser Essensdiskurs über Vegetarismus und Veganismus überhaupt kein Neuer ist sondern dass es schon ganz lange diese Ideen gibt dass es lange schon ein Diskurs war, der eben nicht neu ist.
00:06:28: Wir haben das natürlich auch schon im neunzehnten Jahrhundert, aber in den zwanziger Jahren war das ein total großes Thema und daher hängt der Kohlrabi-Kaiser sozusagen am Eingang der Gemüseabteilung der Feinkonstalle und schaut so ganz schön über die anderen Werke zum Thema Gemüso erwacht über die Gemüsabteilungen.
00:06:47: Wissen Sie ob dieser Kohlrabi Kaiser wirklich existierte?
00:06:50: bei auf dem... Das Bild ist eher ein Pfirsich zu sehen, die die Figur in der Hand hält.
00:06:57: Wo ist der Kohlrabi?
00:07:00: Wir sehen tatsächlich auf diesem Bild nicht.
00:07:02: Da haben Sie das gut gesehen.
00:07:06: Der Titel rekurriert darauf, dass diese Prediger oft als Kohlrabi-Kaiser bezeichnet wurden.
00:07:12: Es war eine Art Spitznamen und es gab ... Wir haben da auch historische Fotografien von denen.
00:07:20: Das hier ist einfach Jan-Komas Interpretation, der vereint ganz viele dieser Charaktere.
00:07:26: Und was ich besonders einprägsam an dieser Arbeit finde, ist natürlich der Blick dieser Figur.
00:07:31: Also er hat da was ganz leidenschaftlich bis Fanatisches in seinem Blick ... Dann hatte noch diesen Predigerstab, der an der Bank lehnt auf der sitzt, es umgeben von den Tieren und sitzt da in der Natur.
00:07:44: also diese Naturverbundenheit ist auch ganz wichtig für die Bewegung gewesen.
00:07:48: daher natürlich auch die Idee zu vegetarischer und veganer Ernährungen.
00:07:52: Sie haben's gerade schon erwähnt aber ich will trotzdem nochmal nachfragen.
00:07:57: Also diese Darstellung auch von Obst und Gemüse in der Kunst.
00:08:03: Auch zu der Zeit ist das so ein Ausnahmephänomen oder wurde das doch recht häufig gemalt?
00:08:11: Ich kann mich an Kaktänen erinnern, auf die ich letztes Jahr gestoßen
00:08:16: bin.".
00:08:16: Auf jeden Fall.
00:08:17: Also ich würde sagen, dieses Kaktenthema ist noch mal ein sehr spezifisches.
00:08:22: Da hatten sie auch mit Anja Richter drüber gesprochen die hat das ganz toll erklärt und Obst- und Gemüse haben wir aber noch viel mehr vertreten.
00:08:29: also Das Stillleben ist ja fast seit an Beginn der Kunstgeschichte einen sehr häufig auftretender Bildtypus Das Format, in dem am häufigsten Obst und Gemüse dargestellt werden.
00:08:43: Und ich finde es ist ein sehr gutes Beispiel, was auch die Feinkunsthalle macht diese Ausstellung.
00:08:49: Wir können nämlich anhand dieser Darstellungen, die es ja in allen Jahrhunderten gibt Können wir ganz viel über den kulturgeschichtlichen Kontext und die Ernährungsdiskurse erfahren.
00:09:02: Also wir sehen zum Beispiel In Bildern von Schmidt-Rotluf sehen wir Bananen.
00:09:08: Die Bilder sind aus den fünftiger, sechziger Jahren.
00:09:10: Da war in der BRD die Banane noch ein totales Luxus gut.
00:09:15: oder wir sehen aus dem neunzehnten Jahrhundert in Stillleben Früchte, die damals sozusagen exotisiert wurden wo wir gar nicht wissen ob die Künstlerinnen die Frükte jemals selbst gesehen haben.
00:09:26: Haben sie auf anderen Kunstwerken gesehen?
00:09:28: Haben Sie die für viel Geld erworben?
00:09:31: Die standen oft für Reichtum und Pracht.
00:09:34: Damit wollte man was symbolisieren, also es hat in allen Epochen bestimmte Früchte und Obst immer eine Bedeutung.
00:09:41: Wieso werden sie da gestellt?
00:09:43: Wo kommen die her?
00:09:45: Es ist auf jeden Fall eines der präsentesten Themen, dass sich in der Kunstgeschichte so durchzieht.
00:09:51: Spannend!
00:09:51: Ist mir noch gar nicht aufgefallen.
00:09:52: aber wo Sie das sagen gibt es eigentlich auch so bestimmte die für eine bestimmte Handlung oder Idee sprechen, also man weiß ja wenn man den Totenschiedel sieht dann geht es irgendwie um Vergänglichkeit.
00:10:07: Gibt's zum Beispiel auch Pilze die sagen oh da ist ein Giftmord geschehen?
00:10:15: Ja tatsächlich wir müssen natürlich immer gucken... Es gibt natürlich nicht eine einzige Bedeutung.
00:10:20: Das hängt auch immer mit dem kulturellen Kontext dieser Darstellung zusammen, aber ich glaube was ich hier ganz schön als Beispiel nehmen kann ist tatsächlich der Apfel denn er taucht dann auch in meiner zweiten Ausstellung auf.
00:10:33: Der Apfel wird in der Kunstgeschichte ja ganz oft im Zusammenhang mit der Erzählung von Eva dargestellt und er ist sozusagen das Symbol der menschlichen Erbsünde die Eva auslöst als sie diesen Apfel isst.
00:10:48: Das wäre zum Beispiel ein sehr, sehr bekanntes ikonografisches Element.
00:10:55: Zu gutem Essen gehört natürlich auch ein gutes Getränk.
00:10:57: und was bietet sich da an als auch
00:11:00: mal
00:11:01: über den Alkohol in der Kunst zu sprechen?
00:11:03: Und mir ist tatsächlich aufgefallen das es unheimlich viele Trinker oder Tischszenen gibt wo getrunken wird und sie haben eins von Helmut Koller in der Ausstellung Die Drei Trinker.
00:11:20: Ja, die drei Trinker ist ... ... neunzehntfünfundzwanzig sechsten zwanzig entstanden.
00:11:26: Das ist ein sehr großformatiges Gemälde von Helmut Koller und was wir sehen sind drei Personen.
00:11:33: Helmut Coller hat sich hier in der Mitte dieser Formation selbst porträtiert.
00:11:38: Diese drei Personen sitzen an einem Tisch und sie haben, sind sich physisch sehr nah.
00:11:44: Und doch wirken sie alle eigentlich so sehr verinnerlicht, ne?
00:11:48: Sie sind alle irgendwie in ihren eigenen Gedanken vertieft und scheinen auch schon einigermaßen tief im alkoholischen Rausch sich zu befinden.
00:11:58: Sie haben grötete Wangen und darauf verweist ja noch mal der Titel die drei Trinker.
00:12:06: Interessant an diesem Gemälde ist, dass es uns ganz viel über das europäische Verhältnis zum Alkohol in den Zwanzigerjahren erzählt.
00:12:16: Während nämlich von neunzehnundzwanzig bis dreientreißig in den USA ja die Prohibitionen herrschte und sozusagen der Alkkoekonsum in die Illegalität rutschte – und das sozusagen an Sichtbarkeit im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Räumen verloren gingen, haben wir in Europa das totale Gegenteil.
00:12:34: Also in Europa wurde in den Zwanzigerjahren unglaublich viel Alkohol konsumiert und das eben auch in der Öffentlichkeit.
00:12:42: Man schenkte Alkohl in Tanzlokalen, in Cafés tagsüber wie nachts aus und noch mehr als dass es eben viel konsumierte, geilt das sogar als eine Art von ... Lebensstil, der für Freiheit stand.
00:12:59: Für Modernität... Also es war was eher ... Es hatte eine sehr moderne Konnotation und diese Geschichte, diesen Kontrast können wir eben total gut anhand von diesem Werk von Kolle
00:13:10: erzählen.".
00:13:11: Das Werk ist aus Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts Und Helmut Koller muss sich gestehen, sagt ihm ehrlich gar nichts!
00:13:20: Helfen Sie mir bitte wer ist?
00:13:22: Helmut
00:13:24: Helmut Kolle war ein Maler der klassischen Moderne und sein Werk zeichnet sich viel dadurch aus, dass er eigentlich nie die Gewinnerinnen des Lebens abgebildet hat.
00:13:37: Dafür steht auch sehr beispielhaft diese Malerei, die drei Trinker.
00:13:42: Denn er hat sich immer den verlorenen Seelen, den abgehangenen, den irgendwie Verliererinnen des Lebens zugewandt.
00:13:51: Helmut Kolle ist nicht sehr alt geworden und hatte selber ein recht schweres von Krankheit geprägtes Leben Und das spiegelt sich auch total in seinen Werken wieder.
00:14:02: Man sieht bei den Figuren, dass sie auch gar nicht so fröhlich sind wie man das vielleicht bei einer ausgelassenen Trinkgesellschaft erwarten könnte.
00:14:11: Ja, man merkt hier auf jeden Fall sozusagen die Schattenseiten des Alkohol-Konsums.
00:14:17: Also wir haben ja natürlich dieses irgendwo gesellige Moment ... Wir haben eine Figur, die auf einem Instrument spielt und die anderen halten Gläser und Flaschen in der Hand.
00:14:26: Und sie sind eben zusammen an diesem Tisch vereint und doch eben in sich gekehrt in ihren Gedanken.
00:14:32: Sie wirken nicht sehr glücklich!
00:14:35: Auch das ist etwas was den Zeitgeist der zwanziger Jahre total aufgreift.
00:14:40: So ein bisschen dekadent waren ja auch die zwanziger Jahre, im Rückblick aus unserer heutigen Zeit.
00:14:47: Und der Hauptdarsteller im nächsten Werk ist es für den einen oder anderen vielleicht auch?
00:14:54: Es ist nämlich ein Humor!
00:14:56: Genau das ist der Lobster in der Videoarbeit von Marie-Lynne Speckert und wir sehen wie dieser arme Lobster hier sehr sorgfältig auseinandergenommen und verspeist wird.
00:15:10: Das Werk changiert so zwischen zeremonieller Pracht.
00:15:15: anhand dieses Geschirrs, der ist ein fein säuberlich gedeckter Tisch sieht alles sehr schick aus.
00:15:23: In so einer klinischen Präzision wird hier dieser Hummer zerlegt.
00:15:27: Der Sound ist sehr wichtig für die Videoarbeit, also wir hören schon von weitem eigentlich dieses Knacken aus diesem Raum in dem das Video gezeigt wird.
00:15:36: und in der Arbeit geht es eigentlich um die soziale Konstruktion von Luxus- und Dekadenz Denn ganz viele Jahrhunderte galt der Hummer in vielen verschiedenen Kulturen eigentlich als in Anführungszeichen arme Leute essen.
00:15:53: Heute steht der Hummer ja schon für einen bestimmten Luxus.
00:15:57: Das sieht man eben auch daran, wie er hier angerichtet wird und gleichzeitig wird der mit den Händen auseinander genommen zackknackt.
00:16:06: Und das ist auch so ein interessanter Kontrast, der in dieser Videoarbeit entsteht.
00:16:12: Und worum es auch geht, ist das menschliche Verhältnis zu Natur, dass der Mensch immer eigentlich ... unter die Schale gucken möchte.
00:16:23: Er will gucken, was ist darunter?
00:16:25: Was liegt in dieser Natur, also so ein bisschen dieses analytische Verlangen des Menschen, die Natur zu verstehen und auseinanderzunehmen?
00:16:35: Also es hat schon fast so etwas Klinisches wie dieser Hummer eigentlich auch setziert
00:16:41: wird.".
00:16:42: Das Faszinierende an ihrer Ausstellung ist man lernt aber noch was dazu – in dem Fall der Hummer als arme Leute essen!
00:16:50: Fast einhundert Jahre früher ist ein Bild entstanden, beziehungsweise seine Druckgrafik heißt im Fleischer Laden und es für mich eigentlich so ein typisches Werk auch sind zwanziger Jahren.
00:17:05: Genau wir haben hier diese Radierung von Bernhard Kretschmar vor.
00:17:13: Als Betrachtende blicken wir hier in einen Fleischaladen, der ist gut besucht.
00:17:19: Es sind mehrere Kunden in diesem Laden und warten auf ihr Fleisch.
00:17:24: hinter dem Tresen stehen zwei Personen die Fleisch verkaufen und verarbeiten.
00:17:31: ganz typisch neu sachlich sozusagen haben die ganzen Figuren eigentlich so karikaturhafte Fratzen.
00:17:39: Und diese ganze Situation wird hier total auf die Spitze getrieben, also im Verkaufsbereich wo die Kundinnen stehen werden Fleischkaderbe ausgestellt.
00:17:50: Die hängen hier mitten im Raum und es geht soweit dass sogar auf einem Tisch ein Schweinekopf liegt der hier ganz fasziniert von zwei Kindern begutachtet wird.
00:17:59: und dieser Arbeit ja stellt eigentlich die socioökonomische Frage, wer kann sich eigentlich neunzehntundzwanzig leisten Fleisch zu kaufen und zu kontomieren?
00:18:11: Wir müssen das kurz einordnen.
00:18:14: Der erste Weltkrieg ist gerade vorbei.
00:18:17: Deutschland weiß ich gar nicht ob die Inflation damals schon so hoch war.
00:18:23: auf jeden Fall waren es wilde Zeiten Und Lebensmittel sind knapp und viele leiden sogar unter Hunger
00:18:32: Genau.
00:18:33: Also... Das ist auf jeden Fall eine Zeit der Entbehrung, der Lebensmittelknappheit.
00:18:39: Wir haben an anderer Stelle die Ausstellung aus diesem Jahrzehnt viele Darstellungen von Kohl.
00:18:46: Aber es hätte zum Grundnahrungsmittel wenig gab.
00:18:50: Wir hatten diese steigende Inflation und diese desolate Lage nach dem Ersten Weltkrieg.
00:18:57: Da waren es dann doch Menschen bestimmter Klasse, die Fleisch kaufen und konsumieren konnten.
00:19:04: Eines meiner Lieblingswerke kommt zum Schluss unseres kleinen Rundgangs.
00:19:10: Und zwar ist es ein ... Ich weiß gar nicht, ob sein Lebensmittel isst?
00:19:14: Es dient auf jeden Fall nicht der Ernährung!
00:19:18: Man sieht Kaugummis.
00:19:20: Genau wie an jeder Supermarktkasse gibt's natürlich auch in der Feinkunsthalle.
00:19:25: ganz zum Schluss Kaugummies.
00:19:28: Das sind Skulpturen von Sophie Schmidt einer zeitgenössischen Künstlerin Und das sind zehnfach vergrößerte Kaugummi-Verpackungen.
00:19:39: Das ist hier totale Popartmanier, in der diese Kaugummis vergrössert werden.
00:19:44: Die sind aus Papier hergestellt und dann mit Aquarellfarbe bemalt.
00:19:50: Also eine sehr feinsinnige Arbeit wie das hier alles Hand bemalt ist.
00:19:57: Die Arbeit beschäftigt sich mit der unendlichen Vervielfältigung und Wiederholung im Spätkapitalismus.
00:20:04: Also es geht viel um Verpackungsmaterial, um Wegwerfmaterial – da ist das Kaugummi natürlich ein super Beispiel für...
00:20:14: Absolut!
00:20:14: Und mich erinnerte das auch sofort an diese ikonische Darstellung einer Tomatensuppe in der Dose.
00:20:22: Genau das, also darum auch diese Pop-Art manier.
00:20:25: Es geht hier wirklich um die Ware als solche und das Produkt als solches.
00:20:30: Wir haben tatsächlich eine Arbeit, die besprechen wir jetzt nicht aber wir haben eine Arbeit die das totale Pondort übrigens zu dieser Dosen-Suppe von also zur Campus Soup von Andy Wall ist in der Ausstellung auch
00:20:43: Das wollen wir noch nicht verraten denn unsere Hörerinnen und Hörers sollen sich ja selber ein Bild in der Feinkunstthalle machen.
00:20:52: Sie haben es gerade erwähnt, die Kaugumis gibt's an der Supermarktkasse und in der Feinkunsthalle erinnert der Aufbau mich auch an einen Supermarkt.
00:21:02: Warum?
00:21:03: Haben sie das so präsentiert?
00:21:05: oder warum präsintieren sie das So?
00:21:07: Sie hätten ja auch eine ganz normale Ausstellung machen können, die wahrscheinlich ähnlich mit diesen spektakulären Werken begeistert.
00:21:16: Sie haben das gut erkannt.
00:21:18: Tatsächlich greift die Feinkunsthalle, die räumlichen Strukturen eines Supermarkts auf.
00:21:24: Die Idee dahinter ist, dass der Supermarkt für die meisten Menschen heute ja der zentrale Zugang zu Lebensmitteln ist und dass wir hier eine alltägliche Erfahrung aufgreifen, die eben alle kennen.
00:21:36: Das heißt, dass es auch was sehr zugänglich ist ein Thema, das alle kennen Und dass hier jetzt in den Museumsraum sozusagen transformiert wird, also die Ausstellung ist auch nach dem typischen Supermarkt Abteilungen strukturiert.
00:21:53: Wir haben eine Bäckerei so zu sagen wir haben die Milchprodukte Die Gemüse und Obstabteilung die Fleischtheke und eben am Ende auch die Kasse.
00:22:03: Genau das war die Idee dahinter und ich denke das macht die Ausstellungen eben auch so zugänglich.
00:22:08: und die vielleicht noch kurz Die Kunstwerke in der Ausstellung, die werden eigentlich zu Pendants von Produkten im Supermarkt.
00:22:18: Das ist eine ungewöhnliche außergewöhnlich Idee, die Ausstellung so zu konzipieren finde ich fantastisch.
00:22:25: Eins ist mir aufgefallen und vielleicht können Sie mir helfen!
00:22:27: Ich habe wenig Menschen gesehen in den Werken, die zum Beispiel Essen zubereiten kochen.
00:22:36: Warum?
00:22:36: Oder hab' ich da was
00:22:37: übersehen?!
00:22:38: Nee, sie haben tatsächlich nichts übersehen sondern eher was Gutes erkannt.
00:22:43: Die kochenen Menschen kommen in der nächsten Ausstellung vor und zwar in der Ausstellung Serving Gender.
00:22:50: da geht es dann ganz viel darum, wer kocht eigentlich.
00:22:54: Wer kümmert sich um Nahrung?
00:22:58: Nahrungsbeschaffungen?
00:23:00: Um die Zubereitung und Verpflegung mit Nahrungen?
00:23:03: Und die Ausstellung dreht sich eigentlich um Geschlechterrollen und Fürsorgearbeit rund um Ernährung und Essen.
00:23:13: Da geht das natürlich vor allem um Frauen!
00:23:16: Und die komplexen Beziehungen zwischen Essen und Frauen, Frauen als Ernährerin der Gesellschaften.
00:23:23: Also bis heute sind es vor allem Frauen eben, die kochen, die Communities und Familien versorgen mit Essen.
00:23:30: Wir haben aber auch andere Themen in der Ausstellung natürlich vertreten.
00:23:35: also wir haben das Stillen, also muttermilch sozusagen als die oftmals erste Nahrung von uns allen.
00:23:45: Essende Frauen.
00:23:47: Das ist, würde ich sagen mit die größte Lücke in diesen ganzen Ausstellungen.
00:23:51: ja denn man sieht in der Kunstgeschichte doch wenig Frauen auch mal wirklich was essen.
00:23:57: dann haben wir Essstörungen Die wir da thematisieren weil vor allem eben Frauen davon betroffen sind.
00:24:04: Wir haben Eva und den Apfel um nochmal auf den Apfel zurückzukommen feministische Videoarbeiten, die eben diese Fürsorgearbeit aufgreifen.
00:24:17: Also es wird eine sehr breite Ausstellung von den Themen und die Themenkreisen um Frauen und Essen.
00:24:24: Das ist ja schon mal ein Grund wieder nach Chemnitz zu fahren und alle guten Ausstellungen sind drei.
00:24:29: Es gibt nämlich noch einen dritten Teil.
00:24:32: Den finde ich auch ganz spannend oder der verspricht zumindest spannend zu werden wo's dann um das Thema Rituale und Traditionen geht.
00:24:42: Genau, ab Ende November dieses Jahres startet dann der dritte Teil die Ausstellung zu Tisch.
00:24:48: Und hier geht es eben um die gesellschaftlichen und geselligen Momente des Essens zu Tisch.
00:24:55: Es geht wie Sie schon gesagt haben, um die rituellen und kulturellen Aspekte des Essends.
00:25:02: Es geht um interkulturelle und transkulturele Momente von Essen.
00:25:07: also wie entwickelt sich Essen auch durch Migration zum Beispiel weiter?
00:25:12: Es geht um Feste, es geht aber auch um das Alleinsein und es geht auch um Hunger.
00:25:16: Sehr gut!
00:25:17: Liebe Frau Tickes, das ist eine tolle Ausstellung.
00:25:21: Vielen Dank für das Gespräch.
00:25:23: Vielen dank Ihnen auch.
00:25:25: Die Ausstellung Mahlzeit in der Feinkunst-Halle in Chemnitz gibt's bis zum vierzehnten Juni, und wie wir gerade schon erwähnt haben folgen dann auch Teil zwei und Teil drei.
00:25:39: Vielen Dank fürs Lauschen!
00:25:40: Bis zum nächsten Mal.