30 Minuten Kunst

30 Minuten Kunst

Der Podcast über alte und neue Meisterwerke, Künstlerinnen und Künstler

Transkript

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00:00:04:

00:00:13: Hallo und herzlich willkommen zum Podcast Dreißig Minuten Kunst.

00:00:16: Ich bin Jens Trocher und heute zu Gast im Kunstmuseum Moritzburg, denn hier gibt es eine fantastische Ausstellung Wilhelm Lehmburg ewig menschlich!

00:00:27: Und ich bin verabredet mit Dr.

00:00:29: Katharina Rüpell.

00:00:30: Sie ist die Kuratorin und liebe Frau Rüppel wir haben uns für unseren kleinen Rundgang einen wunderbaren Kopf ausgesucht.

00:00:40: Und es ist ein Mädchen-Kopf?

00:00:43: Genau, es ist eine Mädchenkopf aus Bronze!

00:00:46: Und den hatte ich mir ausgesucht, weil der für uns in zweifacher Weise wichtig ist.

00:00:51: Der erzählt ganz viel über die Geschichte des Hauses im Zusammenhang mit Lehmbrück, weil das eines der Werke ist, die der erste Direktor unseres Hauses, Max Sauerland direkt für das Museum angekauft hat und zwar direkt bei Lehmbruck.

00:01:06: Die beiden haben sich in Paris getroffen, Lehmbrug hat da von Jahrzehnten bis zu Jahrzehnhundert vierzehn mit seiner Familie gelebt.

00:01:15: Und Max Sauerland eben, hatte einen Besuch in Paris gemacht, und damals sich die erste Einzelausstellung von Lehmbruck angeschaut in der Galerie Levesque.

00:01:25: Die beiden haben sich getroffen, gut verstanden, sie haben auch noch Ausflüge dann zusammengemacht und sich auch im Nachfolge immer wieder Briefe geschrieben.

00:01:34: Und eben bei diesem Besuch ist auch der Ankauf ... dieses Mädchenkopfes zustande gekommen.

00:01:40: Das ist also eins von zwei Werken in unserer Sammlung, die zu Lebzeiten Lehmbrugs noch an unser Haus gekommen sind.

00:01:48: Und das zweite, warum ich den dann zeigen oder besprechen wollte, ist dass es eine ganz wichtige künstlerische Eigenschaft von Lehmbruck zeigt, dieses Werk.

00:01:59: Es ist ein Mädchen-Kopf ... Mädchen mit einem sehr langen Hals und einem geneigten Kopf.

00:02:05: Und die Plastik ist eben wirklich nur ein Kopf, also es unterhalb des Halses sind die Gliedmaßen abgeschnitten.

00:02:13: Das zeigt was für mich eine Haupteigenschaft von Lehmbrug ist nämlich er ist ein Suchender.

00:02:18: Lehmbruck hat ganz oft Ganzkörperfiguren gemacht.

00:02:21: Also auch in diesem Fall gibt es das Werk Die große Sinnende von ganz viele Versionen von dieser Körperplastik, wobei er immer Körperteile weggenommen hat.

00:02:38: Und so auch in diesem Fall.

00:02:40: also der Kopf ist sozusagen entwickelt aus einer Ganzkörperfigur und das ist eine ganz radikale künstlerische Methode zu der Zeit.

00:02:49: Die kommt von seinem Vorbild Rodin.

00:02:50: Der hat das als erster Künstler in der Moderne angefangen, als künstlerisches Mittel wieder einzusetzen.

00:02:56: Lehmbrug orientiert sich daran und durch dieses Torsieren sucht er immer einen stärkeren Ausdruck und immer neuen Ausdrucks in schon ihm bekannten

00:03:05: Formen.".

00:03:06: Ich würde ja fast schon sagen es ist ein wenig romantisch diese Plastik aber es ist eine wundervolle Stück.

00:03:15: Sie guckt so leicht schräg nach unten, hat ja weiß ich nicht eine Kurzhaarfrisur beziehungsweise sehr nach hinten zu einem Zopf zusammen gebunden.

00:03:26: Wissen sie wie er das gemacht hat?

00:03:29: Das Material spielt bei Lehmbrug eine ganz wichtige Rolle und Bronze ist sozusagen eines von vielen Materialien, die er benutzt hat.

00:03:35: Er hat auch in Marmor gearbeitet mit Steinguss also Zement basiert Gips oder Ton Und Bronze ist ein Material oder ein Werkstoff der nicht so häufig während seiner Lebzeit vorkommt in Werken.

00:03:50: Er hatte natürlich meistens dafür dann mit Gießereien zusammengearbeitet.

00:03:54: Also er selber macht ja dann einen Modell der Künstler Und davon wird dann eine Gussform erstellt, die dann zisaliert, also bearbeitet wird von Handwerkern der Bildgieße rein und dann eventuell eben noch mal einen Feinschliff vom Künstler bekommt.

00:04:10: Also er selber hat dann die Idee und macht das Modell und dann gibt man das ab den Werkprozess.

00:04:16: Also auch vielleicht ganz spannend.

00:04:18: wir haben in der Ausstellung extra einen kleinen Raum zu diesen Bronzogies Verfahren ausgestellt Genau.

00:04:25: Und was die am Anfang gesagt haben, dieses leicht romantische ... Ich glaube das kommt daher, dass man den Eindruck hat sie entzieht sich einem so ein bisschen wenn man vor ihr steht.

00:04:34: also Sie schaut ja so leicht nach unten der Kopf ist so leicht geneigt und sie schaut einen nicht direkt an.

00:04:41: es hat sowas in sich gekehrtes Liebliches.

00:04:44: dadurch.

00:04:45: Jetzt fragen sich natürlich alle und auch ich gibt's ein Modell dafür?

00:04:49: Gibt's ein Vorbild, eine menschliche Figur?

00:04:52: Ja, das kann man in diesem Fall eigentlich ganz gut sagen.

00:04:55: Also für alle weiblichen Akta-Stellungen, die in Paris entstanden sind, kann man seine Frau Anita Lehmbrug Gebäude Kaufmann annehmen.

00:05:06: Die hat ihm sehr häufig Modell gestanden in dieser Zeit und dass es also in der frühen Werkphase von ihnen noch gut identifizierbar

00:05:15: war.

00:05:16: Jetzt haben sie gerade schon ein paar Stationen seines Lebens genannt Paris, das Treffen mit dem damaligen Direktor Rodin.

00:05:25: Aber Lehmburg ist ja eigentlich ein Kind des Ruhrgebietes!

00:05:30: Ja genau er ist in Duisburg meiderisch geboren dort aufgewachsen und ist dann nach Düsseldorf gegangen an die Kunstakademie.

00:05:38: Und hat dort sozusagen sein Bildhauer-Studium Stipendien basiert absolviert, also er kam aus keiner reichen Familie sondern ein Arbeiter und Bauernkind und hat dann Stipendingen bekommen um dort seinen Kunststudium aufzunehmen und dort auch seinen Abschluss zu machen.

00:05:55: Im Ruhrgebiet hat er aber schon die ersten, sage ich mal Förderer getroffen.

00:06:00: Osthaus ist so eine Figur an die ich mich erinnere bei der Vorbereitung ist man das aufgeweiht, der ja ein bedeutender Kunstsammler in dieser Gegend war.

00:06:11: Also das erste Treffen mit Osthaus ist tatsächlich erst in der Pariser Zeit.

00:06:15: Die Frau von Osthaus hat ihn im Atelier besucht und war ganz begeistert, so kam eigentlich dieser Kontakt zustande.

00:06:23: Aber das war ein Kontakt, der eben auch länger gehalten hat also nachhaltiger Kontakt auf jeden Fall.

00:06:29: Er war glaube ich schon zu seinen Lebzeiten recht erfolgreich.

00:06:33: Das heißt er konnte Werke verkaufen und davon leben.

00:06:38: Also er hat schon während seines Studiums es geschafft, in die Sammlung der Kunsthochschule etwas zu verkaufen.

00:06:44: Was ja nicht so selbstverständlich ist würde ich sagen.

00:06:48: und auch kurz nach seinem Abschluss hat er schon an Pariser Ausstellungen teilgenommen also an Gruppenausstellungen wo sein Werk eines unter vielen war.

00:06:57: aber immerhin hat er geschafft das zu platzieren im Salon und eben dort auch schon Kontakte zu knüpfen was ihn dann sicher auch dazu bewogen hat gemeinsam mit seiner Frau dann eben dorthin zu gehen und seinen Glück dort zu versuchen.

00:07:12: Und ich denke, sich auch künstlerische Inspirationen zu erhoffen.

00:07:17: Bevor wir zum nächsten Werk kommen ist mir aufgefallen – Sie haben gerade gesagt dass dieses Werk angekauft wurde von dem damaligen Direktor und ich habe bei der Vorbereitung gelernt das Lemburg bei den Nazis als entarteter Künstlergalt Hier geblieben die ganze Zeit?

00:07:35: Oder wurde es wieder angekauft oder zurückgekauft, die ist auch bei manchen Werken der Fall.

00:07:40: Genau also wir haben das Glück dass dieses Werk dieser Mädchenkopf tatsächlich in der Sammlung gebliebene ist und diese entartete Kunstaktion hier bei uns überdauert hat.

00:07:51: Das ist außergewöhnlich.

00:07:52: in vielen anderen Sammlungen in Deutschland wurden die eingezogen diese Werke Und das hat aber dann auch dazu geführt, dass es dann noch erhalten blieb als der Nachkriegsdirektor Georg Händler.

00:08:05: Dann eben auch hier das Haus wieder neu strukturiert hat und eine neue moderne Sammlung aufgebaut hat und vielleicht noch als kleiner Funfact nebenbei.

00:08:14: Also Händlern ist tatsächlich später in Duisburg direkt dort des Lehmbrugmuseums geworden also eine ganz besondere Verbindung zu unserem Haus.

00:08:24: Da schließt sich ja irgendwie ein Kreis.

00:08:26: Das nächste Berg ist keine Plastik, sondern Sie werden es mir gleich erklären.

00:08:31: Eine Zeichnung ein Druck und zwar heißt es fliehende.

00:08:37: Es ist von nineteen hundert fünfzehn Und das ist glaube ich auch eine Zeit die Lehmbrug sehr geprägt hat.

00:08:44: Genau, also es ist tatsächlich ein Medium was man bei Limburg gar nicht erwarten würde.

00:08:48: Nämlich einen Gemälde und nämlich eine Ölgemälde.

00:08:51: noch dazu würde man ja wirklich von ihm kennt man sehr selten die Gemäle.

00:08:56: Wir hoffen auch mit der Ausstellung dass ein bisschen sozusagen nochmal ins Licht zurück ihn als Male.

00:09:01: Es ist wirklich ein großformatisches gemäldet.

00:09:04: zum Thema des ersten Weltkriegs Wenn ich kurz die Biografie wieder aufnehmen darf er ist dann nach Berlin gegangen Mit seiner Familie Ende das Jahr.

00:09:15: Er hat Berlin gewählt, weil er da einfach schon sehr gut vernetzt war.

00:09:19: Kontakte in die KünstlerInnen-Szene hatte, die freie Session zum Beispiel mitgegründet hatte.

00:09:24: im selben Jahr und während der Kriegszeit hat er auch versucht in den Kriegsdienst zu gehen was aber aus gesundheitlichen Gründen nicht geklappt hat Und er wird dann Sanitäter in einem Lazarett und bringt sich da sozusagen ein.

00:09:40: Er lebt dadurch das Kriegsgeschehen auch ... dass er eben verwundete Soldaten mitpflegt und so weiter.

00:09:48: Und aus diesem Zusammenhang entstehen viele Motive, die auch dann mit dem Ersten Weltkrieg zu tun haben.

00:09:55: Also man kann sagen es ist schon das Einschneidens der Erlebnis.

00:09:58: wahrscheinlich in seinem Leben.

00:10:00: danach verändern sich seine Darstellungen, seine Motive und auch seinen psychischer Gesundheitszustand.

00:10:07: also er leidet auch verstärkt an Depressionen Weil es für ihn unerträglich ist, diese Geschehnisse des Ersten Weltkrieges.

00:10:15: Und dieses Gemälde ist ein besonderes Zeugnis davon, weil es eine ganz furchtbare Szene zeigt.

00:10:23: Es zeigt eine nackte Frau mit einem kleinen Kind in den Armen, was sie an ihr Gesicht drückt und man kann das eigentlich nur so verstehen dass dieses Kind eben verstorben ist Und sie selber steht auf einer Art Schlachtfeld.

00:10:39: Man sieht im Hintergrund eine Kanone und zu ihren Füßen liegt auch ein entweder schwer verwundeter oder schon verstorbener nacktermännlicher Person.

00:10:48: Und im Hintergrund, der ist eben ein düster schwarzer Himmel mit einer blutroten untergehenden Sonne zu sehen.

00:10:55: Also es ist sozusagen eine ganz furchtbare Kriegs-Szene die sehr erschüttert und die den Soldatentod dann im Prinzip auch mit einem Motiv verbindet, nämlich mit dem Mutter- und Kindmotiv was ihn auch sehr geprägt hat.

00:11:11: also hier zwei der wichtigsten Motive würde ich sagen in seinem Überfre auch zu sehen.

00:11:17: Es ist sehr dramatisch auf seine Art.

00:11:19: Ja, auf jeden Fall also das was dargestellt ist.

00:11:22: Also das Motiv ... Das ist glaube ich das grauenvollste, was man sich so vorstellen kann.

00:11:27: Der tut eines unschuldigen Kindes und eine ja ein trauerversunken Frau.

00:11:33: es ist aber auch die Art und Weise wie er das malt.

00:11:36: Die Pinselstriche sind sehr grob und suchend Und die Farben laufen so ein bisschen ineinander.

00:11:44: Er hat immer mit sehr dünnen dünnen Farbschichten gearbeitet, die eben lasierend nennt man das in der Fachsprache.

00:11:51: So ineinander übergehen und dadurch auch noch mal so eine albtraumhafte Atmosphäre

00:11:56: schaffen.".

00:11:57: Sie haben gerade gesagt dass die Bronze in Halle war und ist?

00:12:03: Woher sind die anderen Werke aus der Ausstellung zum Beispiel auch dieses dramatische

00:12:07: Gemälde?".

00:12:08: Wir haben glücklicherweise viele Leihgaben aus dem Lehmbrug Museum in Duisburg erhalten, darunter eben auch viele großformatige Gemälde und auch Grafiken und Zeichnungen die wir mit ausstellen.

00:12:20: Und das ist besonders toll weil Ja, eine Ausstellungspraxis aufgreifen können die Lehmbrug selber zu seinen Lebzeiten auch schon umgesetzt hat.

00:12:30: Also er hat immer Plastiken, Gemälde und grafische Arbeiten zusammen ausgestellt Und durch diese tollen Leihgaben sind wir da jetzt auch in der Lage das auch zu tun.

00:12:40: Auch wer sich mit Wilhelm Lehmbruck vielleicht noch nicht so beschäftigt hatte.

00:12:43: ich glaube Das nächste Werk hat jeder in irgendeinem Zusammenhang Vielleicht eine Ausstellung oder als Abbildung schon mal gesehen.

00:12:50: Es ist der gestürzte von nineteenhundertfünfzehn.

00:12:54: Was ist das?

00:12:56: Genau, es ist eine große Plastik die hier in Bronze bei uns zu sehen ist als Bronseguss und die zeigt einen jungen Mann der auf allen Vieren sozusagen kniet und seinen Kopf auch aufgestützt hat.

00:13:12: man hat den Eindruck er ist vielleicht in die Position hingekrochen in der jetzt gerade sich befindet Und in seiner rechten Hand hält er ein abgebrochenes Schwert.

00:13:23: Man kann sagen, dieses was man vielleicht als typisch Lehmbrück bezeichnen würde also ganz lange feine Körpergliedmaßen die zeichnen diesen Jüngling auch aus.

00:13:35: Diese langen Gliedmaßens haben für mich immer so etwas Verletzliches.

00:13:38: ich weiß nicht wie es ihnen geht und der hätte ja eigentlich auch Kriegshelden gießen können.

00:13:45: Genau, also das ist eine Frage die bei diesem Werk auch ganz akut wird.

00:13:48: Weil dieser Gestürzte wie man ihn eben nennt heute der ist auch im Zuge von Überlegungen zu einem Kriegsdenkmal entstanden.

00:13:58: Also die Stadt Duisburg hatte damals eine Ausschreibung gemacht, weil sie einen Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten gründen wollten und dafür eben Denkmale beauftragen wollten oder ein Denkmal.

00:14:11: Und in diesem Zuge dieser Ausschreibung hat sich Lehmbrug mit dem Thema Denkmalen beschäftigt Und herausgekommen ist etwas, was man eben ... eigentlich nicht erwarten würde.

00:14:22: Also, man sieht hier keinen strahlenden Kriegshelden sondern eben einen niedergeworfenen nackten Menschen und wie Sie schon sagen der ganz viel Verletzlichkeit auch ausdrückt.

00:14:34: also insofern würde ich sagen es ist eigentlich ein Kriegsdenkmal der ganz anderen Art.

00:14:42: das kam auch zu seinen Lebzeiten und als er die Plastik zum ersten Mal ausgestellt hat, nur Verhalten in der Presse vor.

00:14:50: Und wenn es vorkam wurde ist auch wirklich kritisiert weil das natürlich auch nicht patriotisch in diesem Sinne zur Zeit war.

00:14:58: Wir waren immerhin erst im zweiten bzw dritten Kriegsjahr.

00:15:04: Der Krieg dauerte dann noch drei Jahre und man hätte ja schon sagen können Man als Patriot macht man doch keine gefallenen Menschen.

00:15:16: und was ich so erstaunlich finde, es hat für mich einen kleinen Blick in die Zukunft.

00:15:21: Wenn ich sehe dass er das von nineteen hundert fünfzehn sechzehn gemacht hat ... Er hatte einfach prophetische Gabe wahrscheinlich gehabt.

00:15:31: Ja, Ich glaube dass auch etwas damit zu tun hat ja wie er selbst dann die Umstände erlebt hat oder Ja, was er dann selber so in diesem Zusammenhang unter dem Mensch seinen Krisenzeiten auch verstanden hat.

00:15:45: Ich glaube das ist etwas, was damit einfließt also dass man eben verzweifeln kann und verletzlich ist angesichts von so viel Leid und auch ja Zerstörung.

00:15:57: Und genau das ist das was für mich heute auch immer noch so aktuell macht Also dass er sich da mit existenziellen Fragen Kontext von dem Ersten Weltkrieg beschäftigt hat.

00:16:09: Die Plastik ist nicht nur sehr grazil und beeindruckend, sondern sie ist auch sehr groß... Ich muss mal eine technische Frage stellen!

00:16:17: Wie macht ein Künstler das?

00:16:19: Dass er so eine wunderschöne Arbeit aus einem so schweren und für mich auch ja sehr kompliziert zu bearbeitenden Material

00:16:30: hinbekommt?!

00:16:31: Also bei so großen Plastiken funktioniert es normalerweise so, dass einzelne Teile der Plastik gegossen werden und die dann zusammengefügt werden zu einem einzelnen großen Werk.

00:16:43: Die Nähte werden dann kaschiert und ausgeglichen.

00:16:47: Und Teile können auch als Hohlkurs gestaltet werden also zum Beispiel hier die große Blinde auf der er sich befindet.

00:16:55: Die ist auch innenhol.

00:16:57: Es sind eigentlich nur die Wände sozusagen gegossen.

00:17:00: Die Plinte ist der Untergrund.

00:17:01: Genau, der Untergrund!

00:17:03: Das nächste Berg heißt schlicht Elsa-Ölchen.

00:17:08: Es ist eine Porträtbühste.

00:17:10: und wer ist Elsa Ölchen?

00:17:12: Genau also Elsa Öltjen ist eine deutsch-slovenische Malerin, Wildhauerin und Grafikerin die zu Zeiten Lehmbruchs gelebt hat und die in Wien bei Kokoschka und bei Metzner studiert hat.

00:17:27: Er selber hat sie kennengelernt, weil sie dort Metzna, der mittlerweile nach Berlin gezogen war, besucht hat im Jahr nineteenhundertsechzehn.

00:17:36: Und eben dort ist sie wahrscheinlich über Metznar an die Lehmbruchs geraten.

00:17:42: Das Tolle war, dass da zwei ausgebildete Künstlerpersönlichkeiten aufeinander getroffen sind Bei diesen Treffen, bei den wenigen die sie hatten gegenseitig Porträts voneinander.

00:17:55: Also Lehmbrug hat eben diese sehr zarte wunderschöne fragile Büste von ihr gemacht, hat auch gezeichnet und später daraus auch Grafiken entwickelt und Sie hat auch ein Porträt von ihm gezeichnt was wir in der Ausstellung präsentieren.

00:18:09: Und das Besondere an dieser Büste ist eben dass sie was sehr fragiles, sehr schmal ist.

00:18:16: Man sieht nur eine zarte Schulterpartie ein langen Hals, ein langgestrecktes Gesicht und eine recht prominente Stirn.

00:18:26: Sie entzieht sich dem Betrachter mit ihrem Blick.

00:18:30: Und das ist ... etwas, was sehr typisch ist für die ausdrucksweise Lehmbruchs.

00:18:35: Also diese Betonung des Fragilen, des Zerbrechlichen aber in diesem Fall eben auch der geistigen Komponente von ihr also dieses Stirn und dieser Hinterkopf, die sehr prominent ausgefertigt sind das ist eine Wertschätzung ihrer geistigem Fähigkeiten und in diesem Hinblick ist er da auch ganz in der Zeit verhaftet.

00:18:57: Also, wenn man an die Werke von Erich Heckel zum Beispiel denkt ... Der hat eine ähnliche Kopfgestaltung eingeführt oder benutzt, um eben auch diese geistige Ebene zu betonen und

00:19:09: z.B.,

00:19:09: diese beiden Künstler kannten sich auch in Berlin.

00:19:12: also das ist wieder so ein Ausdruck davon wie Stark Lehmbrug auch in die Künstlerszene in Berlin eingebunden war und in so einen stilistischen Zeitgeist obwohl er selber eigentlich immer als sehr zurück der Mensch beschrieben wird.

00:19:26: Und das Schöne ist, in der Ausstellung ist natürlich auch das Gegenstück in Anführungsstrichen zu sehen, nämlich das Porträt was Elsa Oetjen von Lehmbruck gemacht hat eine Kohlezeichnung?

00:19:39: Ja, genau.

00:19:40: Es ist eine Zeichnung mit sehr schnellen Strichen.

00:19:43: hat sie ihn hier erfasst?

00:19:45: Sie hat ihn ein bisschen jünger gemacht als er damals eigentlich war Mit sehr ernstem Blick.

00:19:50: also der zeichnet ihn eigentlich in fast allen Abbildungen und Fotografien aus.

00:19:54: ich glaube da hat sie ihnen sehr gut getroffen Und sie hat auf seine Profession angespielt in diesem Werk.

00:20:01: Also er hält nämlich den Zeichenblock und den Stift und man kann ja vielleicht vermuten dass kritische abwägende Blick ihr selbst gilt, weil er vielleicht gerade dabei ist sie zu porträtieren.

00:20:13: Okay es ist ein Jugendbild aber er war damals glaube ich schon Mitte dreißig.

00:20:17: was mich noch interessieren würde üblicherweise hat man ja so von Bronzen immer mehrere Abgüsse.

00:20:24: Ist das bei Lebenbrück auch so?

00:20:27: Bei Lehmbrug gibt es meist mehrere Versionen in einem Material, aber manchmal auch unterschiedliche Materialien.

00:20:34: Überhaupt kann man sagen ... Ich hatte das ja vorhin schon erwähnt, dass ist ein Suchender und das gilt fürs Material.

00:20:40: Also experimentiert herum mit Materialien, das kann man sehr schön an diesem Porträt sehen.

00:20:47: Das ist eigentlich ein Gips.

00:20:48: Aber von außen würde man das gar nicht so vermuten, weil der sehr rötlich ist eigentlich dem Geist Lehmbruchs wie diese Plastik gestaltet ist, würde ich sagen.

00:21:00: Weil er oft auch mit Partinas also mit Oberflächenbemalung oder Pigmentbeimischungen gearbeitet hat und so ganz beziehfische Materialeffekte dann erzeugt

00:21:11: hat.".

00:21:12: Wie ist denn diese verblüffend echte Bronzeroptik bei den Plastiken von Lehmbruck?

00:21:19: zustande gekommen, die nicht aus Bronze sind.

00:21:22: Es gibt unterschiedliche Experimente mit Material, die er macht.

00:21:25: Er arbeitet natürlich mit dem Material Bronze aber er gibt auch manchmal vor dass es aus einem Material ist was es eigentlich nicht ist.

00:21:35: also man muss sehr aufpassen wenn man vor einem Werk steht.

00:21:38: Zu seinen Lebzeiten hat er sehr häufig zum Beispiel bei Gips mit Beimischung von Pigmenten gearbeitet oder eben auch mit Farben, die er auf der Oberfläche aufgetragen hat.

00:21:50: Wie z.B.

00:21:51: eine rötlichen Farbton.

00:21:53: So das Gips dann wirkt als wäre es ne Tonarbeit.

00:21:56: also er ist ein Suchender auch was des Material betrifft und hörte da nie auf zu experimentieren was es für uns Forschende heute manchmal gar nicht so leicht macht.

00:22:06: Ich habe inzwischen gelernt, dass es von Lehmburg nicht nur wunderschöne Plastiken gibt aus Metall und aus Gips.

00:22:13: Es gibt auch Gemälde.

00:22:14: Und was mich überrascht hat ist, es gibt auch wunderschöne Zeichnungen.

00:22:20: Eine dieser wundere Zeichnung ist ein Mädchenkopf.

00:22:25: Das Medium der Zeichlung ist tatsächlich eines, in dem Lehmbrug sehr häufig gearbeitet hat.

00:22:31: Und das Porträt ... ist auch ein Genre, was er sehr häufig ab der Berliner Zeit wieder verfolgt hat.

00:22:38: In den Pariser Jahren gar nicht.

00:22:40: Aber dann, als er nach Berlin kommt, fängt er wieder an Porträt von Menschen in seiner Umgebung zu zeichnen mit denen er Kontakt hatte oder die ihm eben wichtig waren.

00:22:50: und das setzt sich auch in seiner züricher Zeit fort.

00:22:53: also in Zürich kommt er Ende des Jahres nineteen hundertsechzehn an seine Familie kommt nineteen hundred siebzehn dort wohnen.

00:23:03: Und dieser Mädchenkopf, der zeigt eine Person die für Lehmbrug und Zürich sehr wichtig war nämlich die junge Schauspielerin Elisabeth Bergner.

00:23:11: in die hatte er sich unglücklich verliebt und ja er war sehr eingenommen von ihr besuchte fast jede Theater Aufführung, in der sie so mitgespielt hat an Zürich.

00:23:23: Und sie inspirierte ihn eben auch zu ganz vielen Zeichnungen, auch zu Malereien und auch zu Plastiken.

00:23:31: Dieser wirklich zauberhafte Mädchenkopf, ihr Porträt zeigt Sie wie sie den Blick nach unten gesenkt die Augen geschlossen da sitzt.

00:23:41: Die Striche sind so sehr suchend und sanft.

00:23:44: Und das Ganze hat wirklich eine ganz große Zartheit, ist einer der schönsten Zeichnungen in der Ausstellung.

00:23:52: Und diese Zeichnung steht für sich.

00:23:54: oder ist es für ihn wie eine Vorlage vielleicht für eine Bronze gewesen?

00:23:59: Wissen Sie das?

00:24:00: Also für eine Branche nicht.

00:24:02: Es gibt eine Plastik von Elisabeth Bergner, die sicher auch in diesem Zusammenhang zu sehen ist und es steht sozusagen in einer Reihe von Abbildungen von ihr.

00:24:12: also es gibt wie in diesem Porträt sehr konkrete individualisierte Zeichnungen von Ihr.

00:24:19: Es geht aber dann auch die Tendenz je weiter sie sich sozusagen auch ihm entzieht und je unglücklicher er darüber wird.

00:24:26: Sie auch abstrahieren.

00:24:29: Oft kommt sie auch oder wird angenommen, dass sie auch Inspiration dann war für sehr abstrakte Arbeiten der Spätzeit.

00:24:36: Wie zum Beispiel die Plastik der Betenden eine sehr abstrahierte Plastika oder eben auch für Gemälde wie zwei liebende Köpfe.

00:24:45: also Sie ist sozusagen wie auch ein Ausgangspunkt für weitere künstlerische Überlegungen für ihn.

00:24:52: Das letzte Werk auf unserem kleinen Rundgang für den Podcast ist wieder eine fantastische Plastik und zwar ist es eine Mutter- und Kindplastik, aber es hat auch eine gewisse Tragik diese Plastika.

00:25:07: Genau!

00:25:08: Es ist ein Werk was wir glücklicherweise hier in unserem Bestand in der Moritzburg haben und es ist ein ganz inniges Werk.

00:25:17: also es zeigt eine Einheit von Mutter und Kind.

00:25:21: Also es ist ein schlanker Frauenkopf zu sehen mit einer Art Tuch oder Haare über dem Kopf, das ist nicht so ganz eindeutig zu identifizieren Und diese Frau neigt leicht ihren Kopf zur Seite und ihr Blick ist gesenkt auf einen kind was ebenfalls die Augen geschlossen hat und an ihre Brust gelehnt ist.

00:25:44: Die beiden sind wie aus einem Block gemacht, es gibt keinen Abstand dazwischen, das ist wirklich eine Einheit.

00:25:51: Diese Arbeit steht im Kontext der Mutter- und Kinddarstellungen von Lehmbrug.

00:25:57: Das ist ein Thema, was ihn zeitlebens beschäftigt hat.

00:26:00: Er war selber Vater von drei Söhnen, kennt das aus seinem ganz nahen Lebensalltag ... Er verbindet das aber hier in dieser Plastik mit einem christlichen Motiv, nämlich der Pietardarstellung.

00:26:14: Also Beweinungsdarstellung aus dem christlichen Kontext wo Maria Jesus Christus beweint.

00:26:21: und es drückt sich also an dieser Plasti so aus dass die Frau einen sehr ernsten traurigen Gesichtsausdruck hat.

00:26:30: Ja, ihre Köpfe ganz nah beisammen haben sie den Kopf so leicht zuneigt und das fließen also Elemente aus beiden Darstellungsthemen sozusagen ineinander.

00:26:40: Und dieses Darstellungthema der sich zueinander neigenden Köpfen Das ist auch etwas was er dann immer transferiert auf verschiedene Motive.

00:26:48: Also das kommt immer davor wo ein ganz inniger Moment dargestellt werden soll zwischen zwei Personen.

00:26:54: Jetzt ist es aber weder eine Bronze Ist das wieder Kips?

00:26:57: oder aus welchem Material hat er das gemacht?

00:27:00: Also das ist als Steinguss bezeichnet, wobei das auch ein Materialbezeichnung, die bei Lehmbrug sehr viel bedeuten kann.

00:27:08: Grob kann man glaube ich sagen dass sozusagen einen Zementanteil hat, das Material und dann diese Zementmischung wiederum gegossen wird meistens in eine Gipsform und dann aushärtet und so entsteht dann ein Steingus.

00:27:23: Was habe ich tolles über Wilhelm Lehmbruck gelernt?

00:27:26: Und was habe ich für tolle Werke gesehen von Ihnen?

00:27:29: Vielen Dank, Frau Uripelle.

00:27:31: Vielen Dank Ihnen!

00:27:32: Das Gespräch war mir eine große Freude.

00:27:34: Im Kunstmuseum Moritzburg gibt es Wilhelm Lehmbrug ewig menschlich noch die Ausstellung bis zum achtundzwanzigsten Juni-Zweitausendsechsundzwanzig und es gibt einen fantastischen Katalog.

00:27:46: Wer ist vielleicht nicht nach Halle an der Saale schafft?

00:27:48: Vielen Dank fürs Lauschen.

00:27:50: Bis zum nächsten Mal.

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Mit diesem Podcast will ich Sie regelmäßig und unkompliziert für alte und neue Meisterwerke begeistern. Ich bin Jens Trocha, Journalist & Autor, in Dresden aufgewachsen und zu Hause. In diesem Projekt steckt jede Menge Herzblut: Recherchen und Vorbereitungen sind zeitaufwendig, Produktion und technische Umsetzung kosten. Deshalb meine Bitte: Unterstützen Sie mich und den Podcast.

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