30 Minuten Kunst

30 Minuten Kunst

Der Podcast über alte und neue Meisterwerke, Künstlerinnen und Künstler

Transkript

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00:00:04:

00:00:13: Hallo und herzlich willkommen zum Podcast Dreißig Minuten Kunst.

00:00:16: Ich bin Jens Trocher, heute verabredet mit Ann-Kathrin Günstl, die Chefredakteurin von Kunstforum International.

00:00:23: Hallo Frau Günstel!

00:00:24: Hallo Herr Trocher

00:00:25: Wir haben uns heute die größte, ob es die schönste ist?

00:00:29: Wissen wir noch nicht.

00:00:30: das werden wir im Gespräch erfahren als ist auf jeden Fall die größt und eine der berühmtesten Kunstausstellungen der Welt für unser Gespräch ausgesucht.

00:00:38: Und zwar die Bienale in Venedig, liebe Frau Günstl sie waren da und ich glaube es geht wild zu am wildesten im Pavillon von

00:00:48: Österreich.".

00:00:49: Ja das kann man vielleicht tatsächlich so sagen also zumindest wenn man an den Preview-Tagen war und sich die Schlangen der Besucherinnen angesehen hat, die wirklich gefühlt Kilometer lang waren und vor allem eben vor dem Pavillon von Österreich der SeaWorld Venice, von Florentina Holzinger.

00:01:12: Die Künstlerin die den Pavillon dieses Jahr bespielt und die damit so den Besucherinnen eigentlich auch schon direkt einen Spiegel vorhalten will also die Besucherin die eben vom Pavillon zum nächsten gehen eigentlich auch immer wieder auf so kleine Sensationen hoffen, was besonders toll ist zu entdecken.

00:01:32: Was besonders sensationell ist eben auch und das zeigt es ja sehr deutlich dass die Leute sehr schnell mitbekommen haben, dass da vor dem Pavillon also eine Glocke hängt an einem großen Kran und in dieser Glockel drin hängt eine nackte Frau beziehungsweise sind verschiedene.

00:01:49: aber jede Stunde wird diese Glocce geläutet und die Akteurinnen die wechseln sich dann natürlich ab.

00:01:55: Das ist das, was die meisten Leute aussehen.

00:01:58: Die hört man auch an den Kommentaren der Leute in der Schlange stehen, die zum Teil sehr lange warten müssen um in den Pavillon reinzukommen wo dann noch weitere Stationen aufgebaut sind.

00:02:09: aber vor dem Pavillon hängt diese Glocke und die eine dystopische und feministische Kritik darstellt Elementen unseres zeitgenössischen Daseins kann man sagen, also am Klimawandel, am Massentourismus und an der Zerstörung auch der Ökosysteme.

00:02:30: Und damit hat Florentina Holfinger eigentlich eine ... ja, man kann sagen eine wienerische Melange geschaffen zwischen Freizeitpark, Galerie- und Kläranlage.

00:02:39: Das klingt wirklich nach einem großen Spektakel!

00:02:43: Man hat vielleicht schon das ein oder andere Bild gesehen oder einen Fernsehbericht in diesem Pavillon wie so einen Pool eingebaut.

00:02:54: Richtig?

00:02:54: Ja, also es ist ein großer Glasschrein kann man sagen.

00:02:59: Also der eben voll ist mit Wasser.

00:03:02: und das is kein normales Wasser kann man Sagen sondern Es ist eigentlich ein geklärtes Wasser dieser große Glastank in dem permanent eine Frau sitzt oder eine Person auf jeden Fall sitzt die eine Taucherbrille auf hat Im Luft natürlich von außen bekommt, damit sie es viele Stunden dort aushalten kann.

00:03:24: Die sitzt in dem geklärten Wasser von zwei Dixiclos die diesen Tank flankieren und für die die Besucherinnen auch aufgerufen sind die zu benutzen.

00:03:34: Und auch Postkarten mit I live in your piss liegen daneben also so dass jeder auch direkt weiß worum es sich hier handelt.

00:03:44: Wenn man das jetzt so erzählt, dann hört es sich an.

00:03:46: Ja, das ist sehr spektakulär, da hängt eine nackte Frau in der Glocke und schlägt jede Stunde mit den Hüften gegen diese Glockel.

00:03:55: Und dann gibt es den Tank wo das geklärte Abwasser der Besucherinnen drin ist und wo ein Livignor Pistafolz.

00:04:02: Es geht aber tatsächlich natürlich um das ganze Wassersystem auch der Lagunenstadt.

00:04:07: Also SeaWorld Venice bezieht sich auf der einen Seite auf diese Freizeitparkatmosphäre, die zumindest in den Preview-Tagen auch durchaus spürbar ist.

00:04:16: Auf der Bienale und es beziezt sich aber auch sehr stark neben allem was ich schon genannt habe eben was die Ökosysteme angeht, was den Feminismus angeht.

00:04:25: Bezieht es sich wirklich auch auf das Wassersystem der Lagunenstadt und in der ja die Flut alle sechs Stunden Wasser in die Kanäle drückt und damit das Wasser erneuert.

00:04:35: also das sind alles Aspekte die da drin in dieser Arbeit auch aufgenommen worden sind.

00:04:40: Hat sie das berührt?

00:04:45: Ja, also ich habe mir das natürlich erst mal nicht so ganz frei ansehen können weil einfach sehr viele Leute da waren und weil es Die ganze Atmosphäre aus so einer aufgeladenen Atmosphere war, also es gab auch schon eine sogenannte Etude.

00:05:02: In der Anmoderation eigentlich des Pavillons kann man sagen die Glocke wurde überführt das waren ganz kleine Gruppe von Leuten die dazu eingeladen waren Und dann wurde diese Glocke überführt erstmal in den Pavillon.

00:05:13: Das hat sich natürlich rumgesprochen und dann wusste man, so da passiert was ganz Spektakuläres.

00:05:18: also Florentina Holzinger ist natürlich auch keine Unbekannte Man kennt ja ihre Aufführungen, man weiß aus so ein bisschen was man zu erwarten hat.

00:05:26: Ich finde es sehr beeindruckend sagen wir's so Berührt wird man vielleicht eher von den leiseren Arbeiten, aber beeindruckend fand ich es auf jeden Fall.

00:05:35: und es gab ja auch noch eine Satellitenveranstaltung zu dem Pavillon die jetzt vielleicht keine direkte Verbindung hatte.

00:05:42: Aber doch in der Körpersprache sehr ähnlich war.

00:05:45: das war in Wien im Prinzendorf im ehemaligen Schloss von Nitsch, der dort immer die Pfingstspiele aufgeführt hat und in der Nachfolge hat Florentina Holzinger dieses Jahr dort auch ein Pfingtsspiel mit einer sehr körperlichen Performance.

00:06:02: Und da war zum Beispiel eine Parallele das ja im Transport der Glocke zum Pavillon eine Frau schon mit zwei Haken im Rücken transportiert wurde.

00:06:12: Auch davon sind die Bilder natürlich schnell Bekannt geworden und die Leute haben es gesehen.

00:06:17: Und haben da auch gewisse Erwartungen rein transportiert, das wurde wieder in einem Pfingstspiel aufgenommen, was eben sehr stark mit der Verletzlichkeit der Körper gespielt hat.

00:06:28: Wo ich gemerkt habe bei beiden ... Ich war sowohl in Venedig als auch in Wien bei den Performances von ihr und fand doch sehr interessant.

00:06:39: immer die Reaktion des Publikums, mit der sie ja sehr stark spielt hatte ich ja anfangs schon gesagt, wo sie auch so ein Spiegel eigentlich den Leuten vorhalten will.

00:06:47: Wie gut das funktioniert also wie sehr die Leute dann auch tatsächlich darauf anspringen und da kommen um wirklich eine Sensation zu sehen?

00:06:56: Das ist Teil des Ganzen und es ist sehr interessant.

00:06:59: aber das ist tatsächlich auch was wo ich sagen würde dass hat mich berührt weil ich vielleicht auf der Bienale Ja, sehr starkes Fachpublikum noch da ist eigentlich in den ersten Tagen damit gar nicht so gerechnet habe.

00:07:15: Für alle diejenigen, die noch nicht auf der Bienale in Venedig waren?

00:07:19: Ist es vielleicht ganz spannend zu wissen wo muss man denn eigentlich hin um zum Beispiel die Pavillonz zu sehen?

00:07:25: oder gibt's auch andere Ausstellungsflächen?

00:07:28: Also es gibt ja das offizielle Bienalegelände Die Giardini Und das Arsennale, das sind die beiden Hauptschauplätze auf jeden Fall.

00:07:38: Also da sind die Länderbeiträge auch größtenteils platziert oder die Länder Pavillons stehen in den Jardini und erstrecken sich dann aber weiter über einige Räume auch in den Arsenaal sowie auch im ganzen Stadtraum.

00:07:55: Das ist tatsächlich alle zwei Jahre unterschiedlich.

00:07:58: also das sind nicht immer die gleichen Palazzi sondern je nachdem, was die einzelnen Länder, die eben keinen festen Pavillon in den Jardini haben.

00:08:08: Sich dann auch suchen und da gibt es natürlich ganz viel zu entdecken immer in der Stadt.

00:08:13: also muss man sich aus so ein bisschen orientieren und muss gucken wo finde ich jetzt etwas?

00:08:18: Es hängt dann auch immer ein großes Plakat draußen sodass man manchmal durch eine kleine Gasse geht und überrascht ist und auf einmal von einem Länderbeitrag steht und einfach reingeht.

00:08:28: Außenstellen der Länderbeiträge sind in der Regel auch kostenlos und damit für alle zugänglich, also auch für die Venedig-Besucherinnen, die gar nichts zur Bienale geben wollen.

00:08:38: Die können sich dann dort auch was

00:08:39: ansehen.".

00:08:41: Ganz überrascht war ich dass der Wattikan mitmacht oder sozusagen auch seine Pfoten öffnet in einen fantastischen Garten den ich so in Venedich nicht vermutet hätte!

00:08:55: Den kennen auf jeden Fall die Allerwenigsten.

00:08:56: Ich kannte den vorher tatsächlich auch nicht, das ist der Giardino Mistico genannt vom Vatikanen dieses Jahr bespielte Garten der Kameliterinnen direkt neben dem Hauptbahnhof.

00:09:10: Das heißt eigentlich geht man da oder ist man wenn man in Venedig schon gewesen ist auch immer schon mal vorbeigegangen.

00:09:16: aber der ist natürlich normalerweise auch nicht zugänglich und er ist jetzt eben zugänglig gemacht worden.

00:09:27: Das heißt, das ist eine Soundinstallation.

00:09:30: Die dort in diesem Garten ist orientiert an den Gesängen von Hildegard von Bingen also ein mittelalterlicher Musik und das haben zwanzig verschiedene Künstlerinnen aufgenommen Und dazu Soundinstallation an verschiedenen Orten in dem Garten eingespielt.

00:09:48: Man bekommt am Anfang Kopfhörer aufgesetzt und taucht damit wirklich, ja kann man sagen ab in die absolute Ruhe.

00:09:55: Also das ist.

00:09:56: es ist wirklich so dass man wie unter so einer Glocke durch diesen Garten zwischen Beten und an großen Sträuchern und duftenden Kräutern vorbei geht und an verschiedenen Stellen sich dann dieses sound Ja wieso klangteppig so diese kleinen soundtäppige abwechseln.

00:10:13: Das Interessante ist natürlich, dass dieser Pavillon, kann man nicht sagen.

00:10:17: Aber dieser Länderbeitrag oder der Beitrag des Vatikans, damit sehr stark eigentlich auch an die Hauptausstellung erinnert.

00:10:25: Also es gibt ja neben den Länderbeiträgen vor allen Dingen in den Jardini einen großen Hauptpavillon wo die Hauptaustellung alle zwei Jahre stattfindet und die setzt sich dann noch mal in den großen Hallen der Arsennale fort Und die findet dieses Jahr unter dem Titel in meiner Keys, also in der Moltonart statt.

00:10:46: Kuratiert von Kojoku-Wu, die leider vor einem Jahr, also ein Jahr vor der Eröffnung schon verstorben ist aber die alles noch soweit vorbereitet hat das es wirklich nach ihrem Konzept jetzt auch umgesetzt wurde.

00:10:59: und was bedeutet dieses Motto?

00:11:01: oder was haben Sie festgestellt?

00:11:04: Was wurde da beverarbeitet in den Ausstellungen?

00:11:09: Also es ging vor allen Dingen um Werke, die auch miteinander gut kommunizieren können.

00:11:16: Um nicht so die großen Einzelwerke wo einzelne Künstler oder Künstlerin eben sagen so das ist mein Statement und das steht ganz singulär wirklich nur für meine Arbeit was natürlich auch impliziert immer in jedem einzelnen Kunstwerk trotzdem drin ist.

00:11:33: aber es sind Kunstwerke die auch kuratorisch so gesetzt sind dass sie miteinander eigentlich so ein lockeres Netz auch an Associationen geben.

00:11:43: Und ja, wenn man jetzt in der Musiksprache bleiben will vielleicht eher so einen Jazzähnlicher Klang also was improvisiertes Also tatsächlich eben einzelne Position die auch gar nicht so vorgegeben sind wo man jetzt unbedingt langgehen muss oder es sind keine unbedingten vorgegebenen Dialoge, sondern die entwickeln sich dann auch nach der eigenen Blickrichtung, die ja jeder einzelne Betrachter, jede Betrochterin mitbringt.

00:12:11: Vor Erfahrungen, die man hat oder Stimmungen, Gefühle, die ausgelöst werden.

00:12:17: Das alles spielt eine sehr große Rolle und ... Ja, das ist ganz schwierig eigentlich da dann auch so im Nachhinein oder Empfehlungen zu geben und zu sagen.

00:12:30: Also das sind jetzt eben besondere Werke die man sich angucken muss weil es wirklich ein Zusammenspiel ist und dass auch ganz wichtig war für die Kuratorin Und das eben auch von ihrem Team Dass dann dieses Konzept übernommen hat und auch tatsächlich an diesem Konzept gar nichts mehr verändert hat So dass das jetzt wie so ein hierarchiefreies Miteinander auch sehr gut funktioniert Wobei natürlich dann trotzdem immer Einzelwerke auch sehr stark in Erinnerung bleiben.

00:12:56: Also zum Beispiel gibt es einen Olivenbaum von Teoseto, den wir aufs Cover genommen haben weil er so ja unseres Erachtens aus sehr stark gezeigt hat diese leisen Töne in der Kunst und auch die Ja, die Themen aufgenommen hat.

00:13:15: Es ist ein alter Baum, der dahin verpflanzt wurde, der da jetzt für die Dauer der Bienale steht, der natürlich damit auch so eine Entwurzelung zeigt aber auch was Neues dort beginnt, der sich ganz langsam um sich selber dreht und auch ne Soundinstallation gehört noch dazu also etwas sehr poetisches und gleichzeitig was gesellschaftliches und politisches.

00:13:36: Und es war dem Team auch im Vorfeld immer sehr wichtig ja diese Zwischentöne zu betonen in dem Bild von einem Schatten, den ein Baum wirft.

00:13:47: Also so Licht das durch zwei gefällt und das Schatten die der Baum dadurch erzeugt.

00:13:54: Und es war immer wieder wenn man ... Wenn Statements kamen von diesem Team war's auch immer wieder das Thema dass sie unter nem Baum gesessen haben zum Beispiel sich dort zusammengefunden haben und dass der Schatten den der Baum gespendet hat ganz wichtig war.

00:14:07: Das erschien uns dann auch einfach einen sehr Ein sehr gutes Zeichen für diese Hauptausstellung, für diese Bienale dieses Jahr.

00:14:15: Das klingt sehr stimmungsvoll!

00:14:17: Lassen Sie uns mal thematisch zurückkehren in die Giardini zu den Paar Billions und sie haben mir Belgien ans Herz gelegt?

00:14:26: Warum?!

00:14:27: Also Belgien war auf jeden Fall ein totaler Favorit von mir persönlich weil dann unglaubliche Dynamik herrscht der Pavillon von Meet Valop bespielt bzw.

00:14:42: von mehreren Akteurinnen, die dort auf einem riesigen Gerüst aktiv sind und verschiedene Buchstaben anordnen.

00:14:52: Und da wird Stillstand tatsächlich vermieden und Bewegung zum obersten Prinzip erklärt kann man sagen also es bewegt sich die ganze Zeit etwas Es wird zusammengearbeitet, es wird getrommelt und gesungen Es findet eigentlich sowas wie eine kollektive Desorientierung statt und die wird damit eingefangen in so Gipswörter.

00:15:12: Also es werden Wörter, Begriffe, einzelne Buchstaben in Gips angefertigt und sie werden aufgereiht, die zerbrechen dabei.

00:15:19: also es geht eigentlich um ganz viel was geschaffen wird, um Fragmente, die Bedeutung generieren, Fragmenten, die zusammengesetzt werden, es geht um körperliche Intensität Aber auch um den totalen Zusammenbruch, der immer sichtbar ist aufgrund dieser Geschwindigkeit.

00:15:39: Und das fand ich ein sehr schönes Bild für die Unmöglichkeit des Stillstands in unserer zeitgenössischen Welt.

00:15:49: Ist ja so'n bisschen der Kontrapunkt zu dem Haupttitel der Bienale?

00:15:54: Ja!

00:15:54: Das kann man tatsächlich sagen es ist ein bisschen der Contrapunkt dazu wobei es natürlich am Ende auch ne Kritik da dran is'.

00:16:02: Also von daher ist es auch wieder eigentlich ein anderes Bild zum Hauptthema der Bienale.

00:16:09: Ich habe bei den nächsten Pavillonen, über denen wir sprechen etwas gestaunt und zwar die Niederländer haben ihren Pavillon oder er wurde in eine Art Bunker verwandelt.

00:16:23: Wie wurde das gemacht?

00:16:25: Ja!

00:16:25: Es ist ne Art BUNKER, es ist ne Festung.

00:16:28: Also die Niederländer haben tatsächlich so große Rolltoure davor gesetzt.

00:16:34: Man muss auch warten, man kann eben bei den Nieder Ländern nicht einfach in dem Pavillon reingehen sondern man muss abwarten bis man eingelassen wird und das passiert zu jeder vollen Stunde.

00:16:45: Das heißt wenn man eben zu einer anderen Zeit da ist dann Muss man erst mal warten und muss dann auch hoffen, dass man in der Gruppe mit dabei ist.

00:16:53: Es werden allerdings so fast hundert Leute immer eingelassen.

00:16:56: also es ist schon eine große Gruppe die da Platz findet im Pavillon aber man sieht erstmal nichts von außen.

00:17:01: das ist halt schon auch ganz interessant dass man wirklich gar nicht reingucken kann sondern diese Rolltore sind runter gelassen und es ist tatsächlich wie so ne Festung vor der man steht Und man weiß auch erst mal nicht genau, also wenn man es jetzt nicht schon gehört hat.

00:17:15: Zumindest weiß man nicht so genau was einen erwartet.

00:17:18: das ist so Sinn der Sache dass man reingeht und dort dann erstmal steht Man versammelt sich da die ganze Gruppe wird rein gelassen in einem Schwung und dann wird der Pavillon wieder geschlossen man ist quasi eingesperrt.

00:17:30: Dann

00:17:31: erlebt man erstmal nichts und man fragt sich so, was passiert hier jetzt eigentlich?

00:17:35: Man steht mit diesen Leuten.

00:17:37: Man guckt sich natürlich erst mal um.

00:17:39: Man beäugt sich ein bisschen gegenseitig und irgendwann hört meine Stimme eine sehr, sehr kehlige dunkle, raue Stimme von einer Person die mitten unter Also die mitten in dieser Gruppe steht und von der man auch nicht damit rechnen würde, es gibt verschiedene Akteurinnen, die das machen.

00:17:58: In meinem Fall war es eine Frau, die stand da mit ihrer jute Tasche und auf einmal ging sie in die Mitte des Raumes und fing an so ganz kehlige Laute von sich zu geben und extrem laut zu werden.

00:18:13: Und ja fast so bedrohliche Urlaute waren das und es waren Sätze wie Love Yourself, Care For Yourself.

00:18:21: Also die auch im Widerspruch zu dem standen, wie sie geäußert waren weil es eben was so ein bedrohllicher Imperativ eigentlich war Man wirklich ganz körperlich in diesen Pavillon auf sich selber zurückgeworfen wurde, weil man in der Gruppe von Menschen die man überhaupt nicht kannte stand.

00:18:42: Es wurde immer dunkler und dunkler.

00:18:44: also erst waren ja nur die Türen zu und dann wurden aber auch die Fenster verdunkelt und zwar solange bis es richtig finster ist so dass man nur noch selber dort steht eigentlich den Raum auch gar nicht mehr wahrnehmen kann und nur noch diese Stimme die man da nicht mehr richtig verorten kann wo man Ja, das ist natürlich sehr abhängig.

00:19:05: Sehr persönlich ob man dann vielleicht auch sich ein bisschen bedroht fühlt, ob man vielleicht auch Angst bekommt, auf jeden Fall ist es unangenehm.

00:19:12: ich glaube dass ist das ist ein Zustand in alle empfinden und man wartet darauf dass es wieder ein bisschen heller wird und das ganze dauert so eine halbe Stunde und danach wird es dann wieder heller?

00:19:23: Dann werden die Tore aufgemacht und man geht raus.

00:19:26: Und was erzählt der Künstler Dries Verhofen Mit dieser Art von Performance?

00:19:32: nimmt er diesen Festungsgedanken oder Bunkerimpuls, den man da drin hat wenn man dort im Pavillon ist noch mit auf.

00:19:42: Es geht einmal um das selbst also die eigene Abschottung dass wirklich auf sich selber einerseits sich mit sich selber konfrontieren was nicht unbedingt in so einer Abschottung ja auch immer implizit ist, sondern dass man tatsächlich sich auch Gedanken darüber macht.

00:19:56: Also wenn man sich abschottet, was das bedeutet?

00:19:58: Auch für das eigene Dasein, für das eigen körperliche Daseint zwischen anderen Menschen die man vielleicht nur als Fremde wahrnimmt aber die Teil dieser Gruppe sind und Es ist ihm schon wichtig, dass es eine politische Dimension hat.

00:20:16: Das Abschotten von Europa zum Beispiel oder auch das Abschrotten von Positionen innerhalb eines politischen Kontexts.

00:20:23: Gerade bei dieser Bienale, wo es sehr stark darum geht wer darf teilnehmen und wer darf nicht teilnehmen.

00:20:29: Und warum?

00:20:33: Israel und dann war es Russland, wo die Proteste ganz stark geworden sind.

00:20:37: Und wo auf der einen Seite eine Abschottung stattgefunden hat aber also auf beiden Seiten in dem Fall.

00:20:43: Auf der anderen Seite haben doch beide Länder tatsächlich teilgenommen.

00:20:48: das ist halt auch was er im Interview gesagt hat dass es dann doch wieder diesen diesen Freizeitpark-Gedanken bekommt.

00:20:55: Also man hat einerseits eine politische Position, man versucht sich auch ganz massiv da wie in so ner Festung auf sein eigenes Territorium also auch in Europa natürlich im Zeitalter der erstarkenden Nationalismen.

00:21:08: das ist auf jeden Fall ein Aspekt der auch da rein spielt.

00:21:11: Da versucht man sich auf seine eigene Position zu berufen.

00:21:15: es gibt auch Proteste Total legitim politischen Protest, der aber eigentlich – und das war auch was, was man auf der Bienale wirklich beobachten konnte – letztendlich zum Teil des Spektakls wird.

00:21:27: Es ist einfach so bei allem, was da auch an Protest gelaufen ist.

00:21:31: in der niederländische Pavillon war z.B.

00:21:32: auch ein Pavillon, der während der Preview-Tage aus Protest gegen den Krieg also gegen die Teilnahme Russlands, gegen die Teilnahme Israels geschlossen hatte, waren die Pavillons eben für einen Tag geschlossen und danach ging es weiter.

00:21:48: Und das ist sicherlich was, was grundsätzlich zu thematisieren ist sowie sowieso die Länder-Pavillons grundsätzliche zu thematsisieren sind.

00:22:00: Was natürlich eine sehr intensive Erfahrung ist.

00:22:03: dann auch nochmal wenn man selber in so einem Kontext steht im Pavillon.

00:22:08: Ich weiß nicht wie's Ihnen geht aber ich finde In diesem Jahr ist so der Bezug der Künstlerinnen und Künstlern oder auch den einzelnen Pavillons sehr stark zu venedig da.

00:22:20: So auch im spanischen Pavillon, wo mit Postkarten gearbeitet wird – wir hatten ja schon Wasser bei Florentina Holzinger und jetzt eben Postkaten!

00:22:31: Also der spanische Pavillon ist eine richtige Überraschung Der Besten meiner Meinung nach, weil es eben diese Postkarten-Sammlung dort gibt.

00:22:43: Die wie Relikte aus einer vergangenen Epoche erscheinen.

00:22:46: also der ganze Pavillon ist über und über mit postkarten behängt.

00:22:51: also die Wände sind voll mit diesen Postkaten.

00:22:54: Kante an Kante hängen die da Und der Künstler Oriol Villanova hat ich glaube Zwei Jahrzehnte lang hat der Postkarten gesammelt und Postkaten sind natürlich was.

00:23:06: Also wer schreibt heutzutage noch Postkarte, weil wir niedlich klar kommen zu dieser Gedanke auf und vielleicht schreibt man sogar aus so einer Urlaubsstadt dann tatsächlich eine Postkart.

00:23:19: Aber meistens ist ja schon das Problem, dass man gar kein Briefkasten mehr findet.

00:23:22: Und das ist deswegen etwas wo er wirklich eigentlich sowas ganz vergangenes und auch Erinnerungen damit thematisiert.

00:23:30: also woran erinnert man sich?

00:23:32: was für ein Bild gibt man weiter?

00:23:34: Man macht viele Fotos aber so dieser dieser eine Eindruck den man vielleicht auch ganz gezielt aussucht und der dann auf der Postkarte verewigt ist Der ist dann eigentlich nicht mehr da und bei ihm vergeht er natürlich auch total weil es einfach Tausende von Postkarten sind, die er zeigt.

00:23:50: Und der hat die motivisch geordnet.

00:23:52: also es gibt dann eine ganze Wand voll mit Madonna Figuren oder mit Berglandschaften oder mit Seen oder eben auch Venedig Motive natürlich auch das gibt es.

00:24:02: aber Es ist so dass man Also ich glaube man könnte stunden in diesen Pavillon verbringen und könnte sich diese postkarten angucken und würde Natürlich Auch um Wiederholung.

00:24:14: Es geht natürlich auch, dass das Sortieren und das Wiederpräsentieren spielt eine große Rolle und so gewisse Typologien die immer wieder kommen.

00:24:23: aber trotzdem findet man eben auch immer wieder unterschiedliche Aspekte und das Ganze ist in der Form von einem Antimuseum präsentiert.

00:24:31: also alles hat den gleichen Rang.

00:24:32: es gibt eben nicht diese Hierarchien.

00:24:35: Wie meinen Sie das mit dem Antimusium oder einer Art von Antimuseum?

00:24:41: Ja, also es entwickelt sich sozusagen eine Sammlung und eine Präsentation von Motiven die gleichwertig werden.

00:24:50: Es gibt dort eben nicht das museale Exponat was auf dem Sockel steht oder was besonders ausgeleuchtet wird sondern die Motive versammeln sich alle an einer Wand dann zusammen und werden gleichwärtig ausgestellt in einer Präsension die auch was Archivarisches eher bekommt, als was Museums.

00:25:12: Die was Dokumentarisches bekommt und ... ja vielleicht ist es mit dem Archiv tatsächlich ein ganz guter Gedanke weil das eben auch etwas von Erinnern bekommt.

00:25:23: also eine Postkarte per se ist ja schon eine Erinnerung an einen Moment den man an einem Ort hatte, den man jetzt teilt Und es ist eben so ne Erforschung dieses Erinnerns.

00:25:35: Auch eine Frage dessen dann in der Anhäufung dieser ganzen Postkarten, was tatsächlich für eine kulturelle Bedeutung vielleicht auch bleibt.

00:25:43: In diesem Bild, was da verschickt wird?

00:25:47: Ich finde ja so ein bisschen dokumentarisch oder Sie haben es gerade gesagt fast archivalisch geht's auch im deutschen Parvillon zu.

00:25:57: Gerade dokumentarische.

00:25:58: zwei Künstlerinnen haben den gestaltet zum Tür und Henrique Naumann Was ist für Sie spannend an diesem deutschen Pavillon?

00:26:11: Also ganz überraschend, ist da ja erstmal schon die Annäherung von außen an dem Pavillon.

00:26:16: Weil er die Fassade komplett verändert hat oder das Äußere des Pavillons komplett verändert worden sind von der Künstlerin Zunctue.

00:26:24: Die mit drei Millionen Mosaik-Steinchen, die auch in Italien gefertigt wurden Das Bild einer Plattenbau-Siedlung im Osten Berlins in der Geresstraße nachgebaut hat, kann man sagen.

00:26:40: Also die dieses Bild durch diese drei Millionen Mosaiksteinchen auf die Fassade projiziert hat und dadurch hat man wirklich das Gefühl, auf ein ganz anderes Gebäude zuzugehen als auf den deutschen Pavillon, den man ja eben in seiner klassisistischen Struktur kennt ... Architektur, die ja auch unglaublich umstritten schon in den ganzen Bienalen war.

00:27:04: Damit wird zwar auch wieder mit der Architektor umgegangen aber tatsächlich jetzt mal in einer ganz anderen Art und Weise, indem einfach ein neues Gebäude dahingestellt wird.

00:27:12: Und das muss ich sagen ist wirklich sehr gut gelungen und auch sehr eindrucksvoll gelungen.

00:27:17: Henry Genaumann ist tragischerweise vor der Eröffnung der Bienale an Krebs verstorben.

00:27:23: Aber sie hat im Pavillon eine Ausstellung Inszeniert, die sich auch mit ihrer oder auch mit der deutschen Geschichte, mit der ostdeutschen Geschichte beschäftigt.

00:27:38: Ja genau!

00:27:38: Die hat vor allem in ihren Arbeiten.

00:27:42: also wenn man reinkommt dann sieht man eben zum Beispiel verschiedene Möbelstücke an den Wänden Man sieht so Versatzstücke aus Inneneinrichtungen und auch da macht sie eben eine Verbindung zwischen der DDR-Geschichte und dem heutigen Bild, was man davon hat.

00:28:00: Und das ist natürlich auch eine sehr politische Aussage, die sie da trifft.

00:28:06: Also bezieht sich weniger noch auf die Familiengeschichte wie es bei Sonctieu der Fall ist, die eben mit ihrer Mutter in dieser Plattenbausiedlung gewohnt hat als vielmehr auch zwischen etwas, also so ein Übergang vom ... privaten ins öffentliche, also wo das Private mit dem man zusammenlebt eben in diesem Fall das Mobilea tatsächlich auch in der Öffentlichkeit dann wieder eine Aussage über die eigene Geschichte treffen kann.

00:28:32: Auf jeden fall eine spannende Inszenierung, spannende Werke am und im deutschen Pavillon.

00:28:39: Sie haben ja vor unserem Gespräch verraten dass auch ein kleines Land für sie so'n bisschen einen Höhepunkt In einem Pavillon gebaut hat, und zwar in den dänischen Pavillon.

00:28:52: Dänemark hat ein Pavillon gemacht mit vielen, glaube ich Video-Installationen... Und es geht sehr abgefahren zu, würde ich sagen.

00:29:07: Ja das kann man sagen.

00:29:08: also die dänische Künstlerin Maja Malolise hat laut eigener Aussage ihr künstlerisches Werk angefangen mit dem Anruf eines Seeo von einer dänischen Samenbank und ihr wurden zwanzig Liter untaugliches Sperma angeboten, um daraus ein Kunstwerk zu machen.

00:29:32: Und das war so der Anfang, sagt sie dass sie darüber nachgedacht hat.

00:29:36: was kann Sie machen im dänischem Pavillon?

00:29:39: Und tatsächlich ist Dänemark der größte Samenexporteur weltweit.

00:29:43: Also auch etwas, was ich zumindest auf dieser Bienale gelernt habe – das wusste ich vorher nicht – und man hat eben wohl festgestellt, dass der Konsum von Pornobildern, von pornografischen Videos die Beweglichkeit von Spermien erhöhen kann, was sich Samenbanken zu Nutze machen.

00:30:04: So hat sie eigentlich nur eine Art Installation geschaffen.

00:30:08: Also es stehen die Transportkisten fast schreienhaft aufgestellt.

00:30:14: Die Transportkist, die für Spermien verwendet werden was eben weitergegeben wird verkauft wird wie auch immer und die sind allerdings leer.

00:30:24: also sie hat sich nicht auf dieses Angebot eingelassen und er hat gesagt ja Sie findet das Thema sehr interessant oder Es ist nichts zu diesem Deal gekommen.

00:30:32: auf jeden Fall warum genau?

00:30:34: Auch immer auf jeden fall hat sie Diese Kisten genommen, knallgelbe Kisten die dort wie kleine Schreine aufgestellt sind.

00:30:42: Nur dass sie eben nicht für Vergangenes sondern für zukünftiges Leben gedacht sind.

00:30:47: und in diesen Kisten sind kleine Bildschirme eingelassen mit sogenannten sperm races Ein Internet-Phänomen also Sperma Rennen Die gemacht werden als Form des Gaming Und die dort eben zu sehen sind, was dem Ganzen so ein bisschen auch eine sehr amüsante Perspektive gibt finde ich.

00:31:11: Während in dem Raum davor riesige Videoprojektionen von Pornodarstellerinnen zu sehen ist, sodass man also als Besucher und Besucherin dort reinkommt und sich quasi selber wieder wie in so einer Situation wiederfindet, wie in solner Samenbank, die eben pornografisches Material dazu nutzt um die Beweglichkeit von dem Sperma anzuregen.

00:31:34: Das Ganze bekommt so eine sehr komplexe ... Viel Schichtigkeit, weil es was Wissenschaftliches hat auf der einen Seite.

00:31:43: Also es gibt diese Untersuchungen und das gibt dann auch diese Transportkisten Es gibt eben diese Samenbanken.

00:31:49: Und dann hat es aber natürlich wenn man das ganze pornografische Material sieht ja auch etwas ganz Intimes Was ganz Persönliches.

00:31:56: also jeder fühlt sich da ja auch ganz unterschiedlich angesprochen?

00:32:00: Also es gab auch dort lange Schlangen vor dem Pavillon immer.

00:32:04: Es ist aber trotzdem, das konnte man aussehen auch vielen Leuten dann unangenehm, wenn sie drinstehen und diese pornografischen Filme sehen.

00:32:12: Also das ist schon ... fand ich eine sehr interessante Umgehensweise auch damit und eben dieses Thema anzusprechen.

00:32:20: Ich finde es gut, wenn Sie sagen, dass hat etwas Komediantisches, weil ich stell's mir jetzt als harte feministische Kritik vor?

00:32:31: Nee, es ist keine harte feministische ... Kritik, auch wenn natürlich das auf jeden Fall eine Rolle spielt.

00:32:39: Also es ist natürlich auch in den Körpern der Frauen wieder was erkennbar wo man sieht so dass ist Das ist etwas wo sich der körper nutzbar gemacht wird für frauen auch zur wahre werden Wo dann auch.

00:32:53: also alles wird ja zur ware.

00:32:54: In dem fall also sowohl das sperma wird zur ware die Die reproduktion wird zur war der weibliche körper wird zurware.

00:33:01: das hat natürlich unter dieser etwas komediantischen, unter diesem ersten Eindruck der auch was komediantsches hat.

00:33:11: Das ist natürlich auch was ganz Ernsthaftes auf jeden Fall!

00:33:15: Vielen Dank liebe Frau Günstl.

00:33:17: und wer jetzt... Nach Venedig möchte hat bis zum Zweiundzwanzigsten November Zeit sich das alles anzugucken und wir konnten hier nur ein Bruchteil davon besprechen.

00:33:27: Wer es nicht nach Venedisch schafft, schafft es vielleicht in einen gut sortierten Zeitschriften oder Buchhandel und liest die neue Ausgabe von Kunstforum International.

00:33:38: Vielen Dank fürs Lauschen!

00:33:40: Bis zum nächsten Mal.

Über diesen Podcast

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